Raum für Archivarbeit

Immer wieder wächst die Sammlung im Archiv des Schwulen Museums durch bedeutende Vor- und Nachlässe aus dem Besitz von anderen Institutionen, Aktionsgruppen, Künstler*innen oder Aktivist*innen. In den Räumen des SMU ist Platz zur Aufbereitung dieser Schätze rar und die Stiftung stellt den dafür benötigten Platz zur Verfügung. Im ehemaligen Atelier des Künstlers Erich Paproth werden derzeit der Vorlass von Detlef Mücke zur GEW Schwule Lehrer und der Nachlass von John Olday bearbeitet.

John Olday (1905 – 1977)

John Olday, geboren 1905 als Arthur William Oldag in London, war ein deutsch-britischer Künstler, politischer Aktivist und Schriftsteller, der in Hamburg aufwuchs. Bereits in jungen Jahren engagierte er sich in der sozialistischen Jugendbewegung und unterstützte die Spartakist*innen während der Novemberrevolution. Später war er Teil des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Nach seiner Flucht aus Deutschland setzte er seinen politischen Kampf in England fort. Olday verband seine politische Arbeit stets mit künstlerischem Ausdruck: Mit Zeichnungen, Liedern und Gedichten kritisierte er gesellschaftliche Missstände und trat als überzeugter Anarchist für eine selbstbestimmte Lebensweise ein.

Besonders bekannt wurde Olday durch seine Karikaturen, die das schwule Leben seiner Zeit kommentierten – mal humorvoll, mal explizit politisch. In den 1970er Jahren veröffentlichte er seine Arbeiten in verschiedenen europäischen Schwulenmagazinen, unter anderem im Hamburger Magazin HIM. Dabei nahm er gängige Stereotype schwuler Männer – Matrosen, Tunten, Sexarbeiter – aufs Korn und stellte Orte schwuler Begegnung wie Bars, Klappen oder Parks in den Mittelpunkt. Seine Arbeiten prangerten auch die staatliche Repression homosexuellen Lebens an und kritisierten die Kriminalisierung durch den § 175. Der Ehe für alle stand er als Anarchist skeptisch gegenüber, die er als Ausdruck bürgerlicher Anpassung verstand. Teile seines Werkes verharmlosen Pädosexualität und sexualisierter Gewalt gegen Kindern und Jugendlichen. Dies gilt es kritisch aufzuarbeiten.

GEW Schwule Lehrer

Die „Schwulen Lehrer“ in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bildeten ab den späten 1970er Jahren eine der ersten offen schwulen Gruppierungen innerhalb einer deutschen Gewerkschaft. In einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich noch stark tabuisiert und gesetzlich bis 1969 durch den § 175 kriminalisiert war, leisteten sie Pionierarbeit. Die Gruppe setzte sich nicht nur für die Rechte homosexueller Lehrer ein, sondern thematisierte auch erstmals strukturelle Diskriminierung an Schulen und in der Bildungsarbeit. Ihr Engagement trug dazu bei, Sichtbarkeit und Schutzräume für queere Lehrkräfte zu schaffen – und verband pädagogische mit politischen Anliegen.

Darüber hinaus wirkten die Schwulen Lehrer der GEW über die Gewerkschaftsgrenzen hinaus als wichtiger Motor für die Schwulenbewegung in Deutschland. Sie verbanden Bildungsarbeit mit gesellschaftlichem Wandel, machten Diskriminierung im Schulalltag öffentlich und forderten eine Pädagogik frei von Homophobie. Ihre Stellungnahmen, Aktionen und Tagungen stärkten nicht nur die Selbstorganisation schwuler Männer im Bildungsbereich, sondern prägten auch das öffentliche Bewusstsein für sexuelle Vielfalt. Damit leisteten sie einen wichtigen Beitrag zur Entstehung und Institutionalisierung queerer Bildungsarbeit, wie sie heute in vielen Bundesländern fest verankert ist.