Lieber glücklich
als normal!

Subtile Ablehnung bis hin zu offenem Hass und politischen Kampagnen gegen queere Identitäten sind zentrale Elemente christlich-fundamentalistischer Ideologien. Als einzig legitime und „natürliche“ Lebensform gilt die heterosexuelle Ehe zwischen Mann und Frau und es zwei und nur zwei biologisch determinierte Geschlechter. Queerness hingegen wird als Verweigerung des göttlichen Plans verstanden – als Sünde, die korrigiert werden muss und als besonders schwere Prüfung Gottes.

Queeren Menschen wird vermittelt, sie seien falsch. Ihnen wird Unterstützung dafür angeboten – oder aufgedrängt – ihre geschlechtliche Identität oder ihr Begehren zu verleugnen und so zu leben, wie Gott es vermeintlich für sie vorgesehen hat. Das reicht vom freundlich verbrämten „Seelsorge-Gespräch“ bis zu gewaltvollen Maßnahmen unter dem Etikett sogenannter „Konversionsbehandlungen“. Obwohl diese heute gesetzlich verboten sind, existieren sie weiter – unter anderen Namen, in Grauzonen oder im Verborgenen.

„Salbung“ von Pauli Linke

Queerfeindlichkeit wird häufig nur anderen Religion und Kulturen zugeschrieben und in den eigenen Traditionen ausgeblendet. Doch Queerfeindlichkeit ist tief in unserer sogenannten christlich-abendländischen Leitkultur verwurzelt. Der christliche Fundamentalismus bringt nur radikal zum Ausdruck, was in vielen Teilen der Gesellschaft unausgesprochen fortwirkt: die Vorstellung, es sei besser, nicht queer zu sein. In Jeannette Wintersons Roman wird die Protagonistin gefragt:  Warum willst du glücklich sein, wenn du auch „normal“ sein kannst. Den Druck, das eigene Glück unterdrücken zu müssen, um irgendwie als „normal“ durchzugehen, kennen queere Menschen auch aus vermeintlich toleranten christlichen Milieus. Queere Menschen sind willkommen, ihre Queerness ist es auch hier häufig nicht.

In einer Reihe von Interviews kommen in dieser Ausstellung queere (Ex-)Christ*innen zu Wort, die in fundamentalistischen Gemeinschaften gelebt – und überlebt – haben. Sie berichten von psychischem Druck, spirituellem Missbrauch und sozialen Ausschlüssen, aber auch von ihrem Weg heraus aus zerstörerischen Glaubenssystemen. Einige finden dabei auch neue Zugänge zu Bibel und Spiritualität. So kommen in manchen Interviews auch Gruppen vor, die versuchen, Glaube und Queer-Sein in Einklang zu bringen.

Filmszene aus „Ich darf nicht wissen“ von der Gruppe fog gender & Finx

Die Arbeiten von Pauli Linke und der Gruppe fog gender eröffnen mit künstlerischen Mitteln visuelle, poetische Zugänge zu diesen Erfahrungen und den komplexen Prozessen zwischen Anpassung und Abwendung, Verlust und Befreiung mit all ihrer Ambivalenz.

Die Ausstellung präsentiert ein vielstimmiges Narrativ, macht Gewaltmechanismen sichtbar, feiert die Resilienz der Betroffenen und würdigt ihren Widerstand genauso wie ihre spirituelle Kreativität.

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